Agar Agar – The dog & the future (LP) | Review

Review zu „The dog & the future“ von Agar Agar | Seit Jahren gelten sie als eine der spannendsten Indie-Bands aus Frankreich. Mit analogen Synthesizern und unterkühlten Drumpads verzauberten Agar Agar die Massen. Nun ist mit „The dog & the future“ das herausfordernde Debüt-Album da. Hier in der Review.

Agar Agar? Wer ist das denn?

Nach diesem pflanzlichen Geliermittel hat sich vor einigen Jahren ein Pariser Duo benannt, welches in jüngster Vergangenheit aus der französischen Musikszene herausragte und seine Wellen schlug. Agar Agar – bestehend aus den Mittzwanzigern Armand und Clara – hatten bis dato zwar erst eine EP auf dem Buckel (die großartige „Cardan EP“), waren aber mit ihrem analogen Elektro-Pop bereits in aller Munde. Charakeristisch blubbernde Synthesizer, unspektakuläre aber tighte Beats und die für diesen Stil doch außergewöhnliche Stimme von Clara sorgen schnell für den Signature-Sound von Agar Agar, die aber auch in jungem Alter auf der Bühne zu überzeugen wissen, mit einer verstörend-intensiven und humorvollen Show (siehe Eindrücke des letztjährigen Dour Aftermovies). Auf das letztjährige „You’re so high“ folgten dieses Jahr „Fangs out“ und „Sorry about the carpet“ – erste Vorabtracks des nun erscheinenden, lang ersehnten Debüts „The dog & the future“.

Was muss ich unbedingt über „The dog & the future“ wissen?

Ein einfaches Album wäre den beiden ehemaligen Kunststudenten von Agar Agar zu schnöde gewesen, weswegen Armand und Clara auf ihrem Debüt gleich mal ein Konzeptalbum abliefern. Zumindest so ein wenig. Laut der Band ist die Platte (wie eine tatsächliche Platte) in zwei Teile unterteilt: „The dog“ und „The future“. Während der erste Abschnitt für die Bühne konzipiert ist, soll der zweite experimenteller und ruhiger daherkommen. Eben ein bisschen wie der treue Hund und die abgefahrene Zukunft, wenn man so will.

Hört man dieses Konzept denn nun auch raus?

Zugegeben, nicht wirklich. Einen klaren Bruch gibt es nach dem fünften Song nicht, vielmehr setzt sich einfach die von Beginn an sehr hohe Abwechslung fort. Soundmäßig begeben sich zunächst mal alle zehn Songs von „The dog & the future“ auf dem gleichen Terrain, was daran liegt, dass Agar Agar die gesamte Scheibe mit den für ihren Signature-Sound zuständigen Synthesizer aufgenommen haben.  Die Tracks könnten dabei jedoch unterschiedlicher nicht sein und unterscheiden sich teilweise stark vom bisher bekannten Songwriting. Bereits der Album-Opener „Made“ verzichtet auf den in der Vergangenheit nahezu gesetzten Dance-Beat und mäandert minutenlang umher. In der Foge wird es ein wenig zielstrebiger, ehe jedoch der letzte Song des ersten Abschnitts wieder aus dem Rahmen fällt. „Gigi Song“ kommt komplett ohne Percussion aus und verliert sich dadurch leider im Glitzer-Wahn. Die zweie Hälfte beginnt mit dem in der Tat etwas ausufernden, aber tollen „Shiver“, welches allerdings die Dynamik betrachtet wie auch der Folge-Track „Lunatic fights jungle“ problemlos auf die A-Seite gepasst. Erst die letzten drei Stücke lassen in ihrer geschlossenen Ruhe und Unaufgeregtheit erstmals das zu Grunde liegende Konzept erscheinen.

Was sind die großen Momente?

Zwischen den etwas höhepunktarmen, neuen Stücken stechen die beiden Singles mit ihrer Kreativität und ihrem Antrieb klar hervor. Während „Sorry about the carpet“ sich sechs Minuten lang im Midtempo gemächlich vorangroovt und gerade durch diese Monotonität gefällt, ist „Fangs out“ ein Paradebeispiel eines gelungenen Art-Pop-Songs. Genug Pop-Appeal, um schnell ins Ohr zu gehen aber dennoch musikalisch mit vielen Richtungswechseln, um spannend zu bleiben. Abgesehen davon bleibt der Moment in „Shivers“ hängen, in dem Clara mehr wütend textet als singt und damit eine mysteriöse Stimmung erzeugt. Auch die letzten beiden Stücke „Requiem“ und „Schlaflied für gestern“ (heißt wirklich so) überzeugen mit einlullenden Melodien. Insbesondere ersteres lässt die hervorragende Synthesizer-Arbeit erkennen, die Agar Agar ohne Zweifel darbieten können.

Wann sollte ich die Platte auflegen?

Leider eine nicht so einfache Angelegenheit. Durch die Verfehlung des Konzeptes wirkt „The dog & the future“ sehr fragmentarisch – ein richtiger Albumfluss kommt leider nicht auf und lässt den Hörer trotz der vereinzelt aufblitzenden Klasse  bezüglich der Hörsituation ratlos zurück. Für jeglichen Party- oder Push-Moment fehlt einem großen Teil der Platte einfach der Schwung, für die klassische Ambient-Platte wird es zwischenzeitlich zu wild und für die genussvolle, alleinige Rezeption fehlt der berüchtige rote Faden, der die Spannung aufrecht erhält. Der an dieser Stelle dann leider etwas vernichtende Tipp – zumindest für ein Konzeptalbum: Die einzelnen Highlights rauslösen und jeweils der Afterwork- („Fangs out“), Groove- („Sorry about the carpet“) und Gute-Nacht-Playlist („Requiem“ und „Schlaflied für gestern“) hinzufügen.

Hört euch durch die zehn Songs von „The dog & the future“ und sagt mir gerne, ob ihr zum gleichen Schluss kommt. Auf der Suche nach Alternativen werdet ihr sonst diese Woche beim französischen Kollegen Flavien Berger und der dänischen Künstlerin Lydmor fündig.

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