Anoraque – D A R E (LP) | Review

Review zum Album „D A R E“ von Anoraque | Schatzkarte! „D A R E“ von der Schweizer-Deutschen-Formation Anoraque bedient sich verschiedensten Einflüssen der Gitarrenmusik und schraubt aus diesen ein ausgefeiltes Album zusammen, welches vor Entdeckungen nur so strotzt. Hier in der Review.

Anoraque? Wer ist das denn?

Eine Band, die man zunächt mal nicht mit den Emo-Screamo-Kollegen anorak. und dem Smooth-Electro-Genie Anoraak verwechseln sollte. Da hat doch diese Truppe tatsächlich eine weitere Schreibweise gefunden, die obendrein auch noch gleich ein Stückchen besser aussieht. Aber genug der stylischen Oberflächlichkeit. Anoraque ist ein Quartett, bestehend aus sowohl deutschen als auch Schweizer Musikern. Gleich drei Vierteln der Bandmitglieder wird in der Beschreibung eine Vocal-Rolle attestiert – größtenteils wird diese jedoch von Sängerin Lorraine Dinkel übernommen, die über verschiedenste Ausprägungen hinweg den Sound von Anoraque transportiert. Bisher gab es von der Gruppe nur eine EP sowie den Einzeltrack „L I L A“. „D A R E“ ist also das Debütalbum und gerade dafür ein ganz schöner Brocken.

Was passiert musikalisch auf „D A R E“?

Zunächst mal ganz schön viel. Ganze 16 Tracks haben Anoraque auf vier Seiten verteilt – nur ein Interlude mit dem Namen „////“ kann dabei wohl kaum als richtiger Song klassifiziert werden. Nicht nur hat die Platte mit ziemlich genau einer Stunde eine beeindruckend ausufernde Spielzeit. Auch die enthaltene Musik bedient sich einmal quer im Genre-Schrank und stößt dabei in verschiedenste Abteile vor. Mir persönlich wurde die Band als „Frickel-Emo-Prog-Indie“ vorgestellt, was trotz der herrlichen Bindestriche eine ausgezeichnete Bezeichnung ist. Mal agieren Anoraque straighter wie in „Outside us“ und erinnern dabei tatsächlich an Female-Fronted-Emo-Acts (schon wieder so viele Bindestriche) wie Lemuria. Das kurz später folgende „If“ orientiert sich dann wieder eher an sphärischerem Indie-Rock à la The Duke Spirit oder Laura Carbone. In „Hollywood“ darf dann mal ein männliches Bandmitglied übernehmen und verpasst der Platte urplötzlich einen Damon-Albarn-Sound. „Not asking it“ spielt hingegen mit Yeah-Yeah-Yeahs-Soudmustern, während „Formulate“ auch mal die Synthie-Pads auspackt. Alles in allem bieten Anoraque hier ein musikalisches Arsenal auf, welches schwierig zu fassen ist, aber sich so erklären lässt, wie ich häufig mein Musikspektrum erkläre. Irgendwie keine Grenzen, letztlich aber doch in größten Teilen von der Gitarrenmusik geprägt.

Was sind die großen Highlights?

„Wolf“ verdient sich mit seinen spannenden knapp zwei Minuten definitiv das Attribut „klein aber fein“. Im Vergleich zum ruhigen, fast schon mysteriös groovenden Track, ist „Uh oh“ richtig wild. Hier tänzeln Anoraque zwischen wüstem Alternative und krachigem Garage-Rock, erwischen jedoch immer wieder die Kurve zur guten Melodie. Das unterhaltsame „Lila“ webt indes wild vor sich hin und lässt neben hohem Gesang auch kantige Gitarren sowie spannende Bass- und Schlagzeugparts ertönen. Generell sind die Instrumental-Parts über die gesamte Scheibe hinweg ein vielseitiger Genuss. Kein Bestandteil der Musik ordnet sich den anderen unter. Auch das viergeteilte Format, welches jeweils vier Songs vereint wird vom Quartett sehr schön umgesetzt. Selbst in der digitalen Versionen lassen sich die vier Akte erkennen, die grundsätzlich mit einem schmissigen Stück starten und schließlich durch andere Sphären wandern.

Wann sollte ich die Platte auflegen?

Es wird kaum überraschen, wenn ich jetzt herkomme und sage: „D A R E“ ist eine Entdecker-Platte. Wie eine Schatzkarte. Nicht wie das Go-To-Bier, zu dem man ohne große Überlegung greift. Sondern das ausgefeilte, im schlimmsten Fall spannend, im besten Fall großartig schmeckende aus der kleinen Brauerei in Absurdistan. Wer sich dem Debütalbum von Anoraque widmet, sollte dies in erster Linie bewusst tun. Bewusst, wenn mal wieder eine Entdeckung anstehen soll, an der sich die nächsten Tage sattgehört werden kann. Dafür bietet die Scheibe vom schmissigen Opener „Peaks“ bis zum friedvollen Abschluss „Girlfriend“ im 4×4-Format reichlich Potential. Vielleicht ein gutes Album für die bald kommenden Tage zwischen den Jahren. Vom Vortag vollgefressen, ein wenig melancholisch und mit viel Zeit bewaffnet. Viel schöner kann es eigentlich nicht werden.

Auch wenn es bis zu diesen Tagen noch ein wenig hin ist – hier könnt ihr in „D A R E“ von Anoraque reinhören:

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