July Talk in London


Die Kanadier im Schwarz-Weiß-Format haben es erneut über den Teich geschafft. Nach einigen Shows direkt nach Release ihres zweiten Albums Touch dreht DIE moderne Indie-Rock-Band eine Extrarunde. Nachdem July Talk in Berlin damals zwar überzeugten, im leeren Lido aber höchstwahrscheinlich vor mehr Journalisten als Fans spielten, ging’s am 9. März für mich in die britische, leicht überteuerte Musikhauptstadt London.

Erste Gedanken:

Läuft bei dir, London! Im Vergleich zur vielleicht doch zu elektronischen deutschen Hauptstadt thront hier ein paar Stunden vor Beginn ein großes SOLD OUT über dem Abend. Und statt herumstehenden Musikexperten gibt es in der Crowd sogar Bewegung – sogar mehr als auf der Bühne. Und das will bei July Talk was heißen. Ei ei ei, was geht denn schon wieder bei Peter und Leah ab? Die beiden Rampensäue am Gesang flirten, schubsen, befummeln und schreien sich harmonisch an. Und beim dritten Track „Push + Pull“ geht das liebevolle Herumgeschubse auch im Publikum los.

Publikum:

Schubst sich nicht nur liebevoll herum, sondern kann auch mitsingen. Gut, englische Texte versteht man in London ja auch eher. Dass so viele Anwesende aber schon den zweiten Song „Summer Dress“ mitgrölen, überrascht aber auch die fünf Männer und Frau auf der Bühne. Zu späterer Stunde spritzt dann auch mal ein bisschen Bier in der Gegend rum. Um es mit den Worten von Leah auszudrücken: „You know it’s a good gig when you get beer in your eye even though no one’s drinking on stage.“ Das, was sie sagt!

SpecialFX:

Licht, Ton und Bühnenbild: in spartanischer aber vollkommen ausreichender Weise vorhanden. Die Haupteffekte sind aber die fünf Protagonisten auf der Bühne. Gitarrist Ian bedient während „Now I know“ elegant Gitarrenhals, Pedalboard und Kuhglocke und Bassist Josh überzeugt mit überraschend klarem Background-Gesang. Und Drummer Danny? Trommelt. Gut. Vor ihm schenken Peter + Leah abwechselnd Hochalkoholisches aus und tun, worauf sie sonst so Bock haben. Während Peter häufiger an Gitarre und Keyboard gebunden ist, lässt sich sein weiblicher Gegenpart zu „I’ve rationed well“ auf Schultern durchs Publikum tragen und filmt sich selber mit fremden Smartphones. Kann man machen.

Dramaturgie:

Vorhanden. Obwohl das ganze Set mit Hits gespickt ist, nimmt die Intensität gegen Ende merklich zu. Das tut dabei vor allem Leah gut, deren Stimme am Anfang im Vergleich zu Peters Krümelmonster-Krakele (welches live übrigens genauso geil klingt) ein wenig zu kämpfen hat. Mit dem Schlussquartett „Picturing Love“, dem in Deutschland nie veröffentlichten „My Neck“, der Mosh-Nummer „Uninvited“ und dem Instant-Classic „Paper Girl“ ist dann der Höhepunkt erreicht. Und zwar sowas von.

Gänsehautmoment:

Viele! Der Albumtrack „Blood + Honey“ haut live so richtig rein und erweitert den Moshpit um einiges. Eine sichere Bank ist dafür schon immer „Gentleman“. Der Prototyp-Song für perfekte Live-Interaktion und Spannung auf der Bühne lässt auch das Londoner Publikum positiv erschaudern. Rührend ist hingegen, wie Peter sich mehrmals freut, die Bude in einer der wichtigsten Musikstädte der Welt vollgemacht zu haben.

Und sonst so?

Netter Aushang an allen Clubwänden und in Toiletten. Unter dem Motto „Love lives here“ liefern July Talk ein wunderbares Diversity-Statement. Und auch auf der Bühne wird es ein bisschen gesellschaftskritisch. Leah wünscht einen „happy belated international women’s day“. Sie betont, dass sie sich ihren Sweater jetzt auszieht, weil ihr warm ist und stoppt ihr Entkleiden bei jedem „Uuuuuh“ und „Uaahs“ aus der Menschenmenge. Nettes kleines Augenzwinkerspielchen mit guter Message. Ernüchterndes Ende: der Sweater muss neben der Bühne im Technik-Kämmerchen ausgezogen werden. Come on, London!

Gut getroffen:

 

Tonight we surrender. @julytalk #julytalk #touch #thedome #strangehabit

Ein Beitrag geteilt von José Lima (@thebusypartofme) am

In den nächsten Monaten touren July Talk vor allem in Nordamerika – auf deutlich größeren Bühnen. Wer das Quintett in Deutschland sehen möchte, muss sich bis in den Sommer gedulden. Da spielen July Talk u.a. auf dem Open Flair und dem Rocco del Schlacko.

Auch im Studio verdammt geil! Das energische „Blood + Honey“ hat es daher in that new music mix geschafft, und das zurecht. Den Mix findet ihr in der Seitenleiste oder am Ende der Seite.

Schreibe einen Kommentar