Oasis – As you built the moon (2017)

Neun lange Jahre musste die Welt auf eine neue Oasis-Platte warten. Neun Jahre voller Traurigkeit, in der sich die Protagonisten einen elendigen Kleinkrieg lieferten. Endlich haben sich Noel und Liam aufgerafft und den Nachfolger zu „Dig out your soul“ aufgenommen. Das achte Album der Legenden aus Manchester heißt „As you built the moon“ – und überzeugt mit Vielseitigkeit. Man habe genug Material für zwei ganze, qualitativ hochwertige Platten kreiert, meinen die Gallaghers. Nur gut, dass die heiß erwartete 14-Songs-lange Sammlung gänzlich ohne Filler auskommt. Eine wunderbare Stunde Oasis! Lest hier die Track-by-Track-Review.

1. Greedy soul

Frisch, draufgängerisch und mit ordentlich Nachdruck legt „Greedy soul“ los. Ein treibender Schlagzeug-Beat trifft zunächst auf eine Akustikgitarre, über die sich Liam gewohnt abgerotzt in den Refrain zieht. „It’s a long way down“ singt der Bad Boy und lässt mit verschränkten Armen tighten Bläsern den Vortritt. Opener geglückt!

2. Bold

Und weiter geht es mit Liam. Nach dem fetzigen Auftakt besinnen sich Oasis aber bereits hier auf ihre Hymnen-Qualitäten. Mit klassischer Britpop-Instrumentierung ist „Bold“ zwar kein zweites „Stop crying your heart out“, überzeugt aber mit seinem charakteristischen, abfallenden Streicher-Motiv.

3. It’s a beautiful world

Pinkelpause für Liam. Oder so. Mit dem dritten Track übergibt der verlorene Sohn erstmals das Zepter an seinen älteren Bruder. Sofort wird es ungleich virtuoser. Ein zappelnder, fast schon elektronischer Drum-Beat untermalt „It’s a beautiful world“, welches nach langer Strophe von einem unaufgeregten aber einprägsamen Refrain abgelöst wird. Der beste Part des bisher mysteriösesten Songs ist aber das Ende. Nachdem eine verdammt passende, französische „Durchsage“ getätigt wird, stellt das Stück den abgedrehten Radiohead-Beat in den Vordergrund. Erfrischend anders.

4. For what it’s worth

Hit-Alarm! An vierter Stelle präsentieren Oasis die klarste Single von „As you built the moon“. Das sofort imponierende „For what it’s worth“ braucht nur einen Schlag auf die Snare um loszulegen und zeigt sich später in klassischer Oasis-Manier. Hat man zwar vielleicht bereits gehört. Nichtsdestotrotz ist es genial, wenn Liam zur Hook die Stimme hebt und hymnische Streicher zugesetzt werden. Man sieht glückstrunkene Menschen auf Schultern, im Publikum oder in Pubs. Und das in 2017. Geil.

5. Doesn’t have to be that way

So klassisch Oasis der vorhergehende Track war, so ungewöhnlich ist das folgende Tripel. Mit „Doesn’t have to be that way“ driften die Briten in Sphären psychedelischer Substanzen ab. Liams Gesang wird hier mit Effekten zugeschüttet und erscheint dabei ähnlich abgefahren wie die speziellen Soundeffekte. Dabei ist die Hook hier auch eine der besseren und macht die etwas ordinäre Schlagzeugarbeit wieder wett.

6. Fort Knox

„Fort Knox“ führt die psychedelische Ader dieses Teils der Platte fort. Weitestgehend instrumental gehalten erinnert das knapp 4-Minuten-lange Stück nicht nur mit seinen lässigen Beats an eine Extended-Version des bekannten“Fuckin‘ in the bushes“, welches lange als funktionierendes Intro für Konzerte ausgewählte wurde.

7. The man who built the moon

Nachdem Noel schon die einzige Zeile von „Fort Knox“ vertonen durfte, übernimmt der Mann mit der schönen, roten Gitarre auch den Gesang in „The man who built the moon“. Der Sound bleibt markant, fast schon ein bisschen Lo-Fi. Das imposante, monumentale Intro bewegt sich mit psychedelischen Gitarren und Streicher-Synthies zwischen Tarantino und Bond und zeigt damit eine neue, überaus spannende Seite von Noel.

8. Wall of glass

Nach dem etwas verwaschenen Trio kommt das knackige „Wall of glass“ wieder sehr straight daher, ohne dabei auf Soundspielchen zu verzichten. Die allgegenwärtigen Gitarren kratzen hier besonders und reiben sich in kleinen Fills. Insbesondere die dicke Schlagzeugarbeit in der Strophe ertönt in der Produktion außerdem ungewöhnlich krachend. Stark!

9. She taught me how to fly

Da ist sie wieder, die klassische Melodie, die nur ein Gallagher schreiben kann. Selbst wenn „She taught me how to fly“ zu Beginn mit ungewöhnlichen Instrumenten- und Gesangsmodulationen überrascht, hat der Refrain etwas Bekanntes, etwas Wohntuendes. Hi-Hats blitzen umher und erzeugen einen Disco-Beat, doch Noels Gesang bleibt das überwiegende Element und ist an dieser Stelle ganz großartig. Der wohl tanzbarste Noel-Track seit langer Zeit. Das ist Oasis 2017.

10. Interlude (Wednesday Part I)

Weiter geht es mit der Ungewöhnlichkeit und diesem kleinen, aber feinen Interlude. Eine gezupfte Gitarre und ein Layback-Beat lassen in den ersten Sekunden an Didos wunderbares „Thank you“ denken. „Wednesday Part I“ (wo ist eigentlich Part II?) bleibt aber vollständig ohne Gesang aus und suhlt sich in sanften Tönen. In dieser Form auch ein Novum – aber ein sehr willkommenes.

11. Come back to me

Rock is back! Nach dem schönen instrumentalen Ausflug in den Pop packt Liam wieder die leichte Stimmverzerrung aus und haut mit „Come back to me“ einen weiteren Kracher in Wall-of-glass-Manier raus. Auch hier überzeugen die simplen, treibenden Drums und die fliegenden Gitarren, die in den richtigen Momenten zum Riff ansetzen.

12. Dead in the water

Wahnsinn. Eigentlich eine klassische Akustik-B-Seite, wie sie es auf der wunderbaren Kollektion „The masterplan“ zu Hauf gibt. Dass Noel aber auch gut 20 Jahre nach „Talk tonight“ nur mit extrem leichten Gitarrenakkorden und wenigen Pianogriffen derart berühren kann, hätten wohl auch die wenigsten für möglich gehalten. Live aufgenommen zieht sich „Dead in the water“ über fünf Minuten hinweg und wird dabei trotz der minimalistischen Instrumentierung an keiner Stelle langatmig.

13. I’ve all I need

Spätestens jetzt fließen die Tränen. Die überragende Halb-Ballade „I’ve all I need“ ist gleichzeitig heimlicher Hit und heimliche Hymne. Weil sie es auf beides nicht 100%-ig anlegt, ist die gut über 4-Minuten-lange Nummer vielleicht das ehrlichste Oasis-Stück dieser Platte. Der befreiend ausbrechende Refrain, das herrliche Gitarrensolo, welches wie so häufig simpel aber traumhaft ist – vielleicht das „Live forever“ der Snapchat-Generation. Wenn es ein solches jemals geben würde.

14. All my people / All my mankind

Nach dem berauschenden „I’ve all I need“ schließen Oasis ihr achtes Album mit einer süßlichen Liam-Ballade ab. Das verträumte „All my people / All my mankind“ wird größtenteils von einer Akustikgitarre und einem Klavier getragen und bietet somit einen erwartbaren aber trotzdem besinnlichen Abschluss, der die Tränen von „I’ve all I need“ nur langsam trocknen lässt.

Irgendwie Lust bekommen? Hier könnt ihr euch die Platte in dieser Reihenfolge anhören:

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